Eine Eisenbahn, aber kein Bahnhof! Kehren wir zum Thema Eisenbahn zurück und kommen auf ein Ereignis zu sprechen, das an Ironie seinesgleichen sucht. Fast auf den Tag genau 57 Jahre vergingen seit der Schließung des Haltepunkts, da hatte Altglienicke plötzlich eine Eisenbahnlinie. Das Wort >plötzlich< bezeichnet die Umstände der Entstehung recht genau. Der Bau geschah gewissermaßen über Nacht. Und noch etwas war seltsam: Die Altglienicker besaßen nun eine Bahnlinie, aber keinen Bahnhof. Und das kam so: Die gesamte Verkehrsader Richtung Grünau-Königs Wusterhausen genügte schon seit langem nicht mehr dem sich steigernden Verkehrsaufkommen. Hinzu kam ein Umstand, der in der brisanten politischen Situation Berlins lag. Eine politische Notwendigkeit nannte der Verkehrsminister der Deutschen Demokratischen Republik, Erwin Kramer, als einzigen Grund für den Bau der Bahnlinie. Wollte man von Berlin aus in die DDR reisen, so war man bis auf wenige Ausnahmen gezwungen, einen in Westberlin gelegenen Fernbahnhof aufzusuchen. Am 3. August 1951 sollten in Berlin die Weltfestspiele beginnen. Konnte man den Gästen zumuten, auf einem Bahnhof aus dem Zug zu steigen, der in West-Berlin lag? Am 1. November 1950 war der Plan gefasst, eine Umgehungsstrecke zu bauen, die um West-Berlin herumführte und an Ost-Berliner Bahnhöfen endete. Sie ist inzwischen bekannt unter dem Namen >Südlicher Berliner Außenring<. Der Bau begann im Frühjahr 1951, der erste Zug rollte am 10. Juli 1951. Diese Eisenbahnlinie wurde buchstäblich aus dem Boden gestampft. (Die Eile stellte sich nachträglich als unnötig heraus. In Scharen liefen die Jugendlichen in ihren blauen Hemden der Freien Deutschen Jugend nach West-Berlin, denn die Grenzen waren noch offen, die Mauer existierte noch nicht.) Die Bahnlinie zerschnitt den Altglienicker Ortsteil Falkenberg wie mit einem scharfen Messer. Sie erinnern sich: Das ist die Gegend mit den hübschen Ein- und Zweifamilienhäusern. Heute würde man sie eine Gegend mit gehobener Wohnqualität nennen. Die allerdings ging durch die Lärm- und Schmutzbelästigung verloren. Eine Reihe von Einwohnern büßte Heim und Grund und Boden ein. Die lächerlich geringen Entschädigungen konnten die zugefügten Wunden nicht heilen. Noch einmal muss betont werden: Es handelt sich bei der Bahnlinie um eine Fernbahnstrecke. Die Züge rauschen mit hoher Geschwindigkeit durch zweckentfremdete Gärten. Dornröschen hatte wieder einmal das Nachsehen! Jahre später stellte sich heraus, dass ihm statt des Bahnhofs ein Edelstein geschenkt worden war, ungeschliffen zunächst. Es war Mutter Natur, die dem Stein einen Feinschliff verlieh. Von einem kleinen Park ist die Rede, den die Altglienicker >die Brake< nennen. Wird eine Bahnlinie gebaut, so muss Erde bewegt werden. Hier wird ausgeschachtet, dort wird aufgeschüttet. Altglienicke liegt ja am Nordhang des Teltow; da müssen beim Bauen Höhenunterschiede überwunden werden. Der Dammbau für die erhöht anzulegende Bahnlinie im Bereich des Spreetals erforderte sehr viel mehr Erde, als der Schacht auf dem Falkenberg hergab. Also baggerte man die benötigte Erde aus einem brachliegenden Feld und fuhr sie in Loren talwärts dorthin, wo sie gebraucht wurde. So entstand eine Senke, neben den Bahngleisen liegend, dreieinhalb Hektar groß, zwischen Sachsen- und Wegedornstraße. Sie nahm sich in der Landschaft wie eine der Erde zugefügte Wunde aus. Einige Anwohner mutmaßten, in die Senke würde vielleicht ein Bahnhof gebaut. Denn ein Bahnhof war doch zwingend notwendig - so dachte Dornröschen. Es irrte. Die Wunde vernarbte in Gestalt eines weißblühenden Krauts, dem sich allmählich Gräser zugesellten. Und dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis jenes naturbelassene und naturgeschützte Kleinod entstand, das jeden Besucher entzückt. Hingehen und anschauen! Möglichst an einem klaren Herbsttag, wenn das Sonnenlicht durch die Baumkronen bricht und das gelbe Birkenlaub zum Leuchten bringt. Geht man in der Brake spazieren, dann vergisst man, dass sie nichts weiter ist als ein Abfallprodukt des Kalten Krieges. .... |